Die dynamische Entwicklung von Algorithmen der generativen künstlichen Intelligenz (GenAI) stellt die polnische Justiz vor Herausforderungen, die Science-Fiction. Deepfake-Technologie, die eine nahezu perfekte Bild- und Tonsynthese ermöglicht, stellt heute eine der größten Bedrohungen für die Persönlichkeitsrechte dar. Im Zeitalter der „Postfaktizität“ ist die Frage nach verfahrenstechnischen Instrumenten, die den Ruf einer Person wirksam schützen und eine angemessene finanzielle Entschädigung gewährleisten, von entscheidender Bedeutung.

Materielle Rechtsgrundlage des Schutzes: Dualität der Ansprüche

Im polnischen Rechtssystem beruht der Schutz vor den Auswirkungen von Deepfakes auf zwei Rechtsgrundlagen. Zum einen geht es um die Verletzung von Persönlichkeitsrechten (Artikel 81 Absatz 1 des Urheberrechtsgesetzes), zum anderen um die klassische Verletzung von Persönlichkeitsrechten gemäß dem Bürgerlichen Gesetzbuch (Artikel 23 und 24 des Bürgerlichen Gesetzbuches).

Die aktuelle Rechtsprechung (einschließlich des Urteils des Obersten Gerichtshofs vom 20. Mai 2022, Az. II CSKP 433/22) betont zunehmend, dass ein Bild nicht bloß ein „äußeres Erscheinungsbild“ darstellt, sondern Ausdruck der Identität einer Person ist. Im Falle von Deepfakes wird das Abbild nicht nur ohne Einwilligung verwendet (fehlende Genehmigung gemäß Artikel 81 des Urheberrechtsgesetzes), sondern es wird häufig ein falsches Bild – eine Person wird in einem falschen, oft erniedrigenden Kontext dargestellt, was ihre Ehre und Würde unmittelbar untergräbt.

KI-Gesetz und Rechtswidrigkeit des Handelns

Die Verordnung (EU) 2024/1689 des Europäischen Parlaments und des Rates (das sogenannte KI-Gesetz ) entwickelt sich aktuell zu einem wichtigen Bezugspunkt für Juristen . Artikel 50 dieser Verordnung verpflichtet Anbieter und Nutzer von KI-Systemen zur Transparenz – synthetisch erzeugte Inhalte müssen eindeutig als Deepfakes gekennzeichnet werden.

Aus verfahrensrechtlicher Sicht stellt die Nichterfüllung dieser Verpflichtung durch den Ersteller des Deepfakes ein starkes Argument für die Rechtswidrigkeit der Handlung. In Fällen, die Persönlichkeitsrechte betreffen, gilt die Vermutung der Rechtswidrigkeit (Artikel 24 des Bürgerlichen Gesetzbuches). Die Berufung auf einen Verstoß gegen die Bestimmungen des KI-Gesetzes belastet den Beklagten jedoch zusätzlich und erschwert die Geltendmachung seiner Einwände (z. B. Parodie oder Meinungsfreiheit) erheblich.

Eigentumsansprüche – Entschädigung und Schadensersatz

Ein Opfer eines Deepfakes kann zwei Arten von finanziellen Leistungen beanspruchen:

  1. Geldentschädigung für erlittenen Schaden (Artikel 448 des Bürgerlichen Gesetzbuches):

Bei der Festlegung der Entschädigungshöhe berücksichtigen Gerichte den Grad der Schuld des Täters, den räumlichen und zeitlichen Umfang der Veröffentlichung sowie die Schwere des Verstoßes. Im Fallenicht einvernehmlicher Deepfakes (Pornografie) spricht die Rechtsprechung tendenziell Beträge im Bereich von Zehntausenden oder sogar Hunderttausenden Zloty zu, da solche Handlungen als eine Form digitaler Gewalt gelten, die das Privat- und Berufsleben des Opfers zerstört.

  1. Entschädigung (Reparatur von Sachschäden):

Hat unrechtmäßiges KI-Material zu konkreten Schäden geführt (z. B. Verlust eines Werbevertrags eines Influencers, Kündigung), kann der Kläger vollen Schadensersatz verlangen (Artikel 415 des Bürgerlichen Gesetzbuches). Der Begriff des „Marktwerts eines Bildes“. Besitzt das Bild einen kommerziellen Wert, sollte der Schadensersatz dem Betrag entsprechen, den der Verursacher für die rechtmäßige Nutzung des Bildes im jeweiligen Kontext zahlen müsste.

Plattformverantwortung: Der DSA-Standard

Im Zeitalter der Anonymität von Online-Kreativen werden häufig Klagen gegen Vermittler erhoben. Der Digital Services Act(DSA) hat die Haftungsregeln für Plattformen (Facebook, X, TikTok) grundlegend verändert. Gemäß dem Melde- und Handlungsmechanismusverliert eine Plattform, die eine glaubwürdige Meldung über einen rechtswidrigen Deepfake erhält und diesen nicht umgehend entfernt, ihre Immunität und kann gemeinsam mit dem Verursacher für die Folgen der Verletzung von Persönlichkeitsrechten haftbar gemacht werden.

Evidenzbasierte Herausforderungen und Prävention

Aus verfahrenstechnischer Sicht ist die Sicherung von Beweismitteln mithilfe von Blockchain-Technologie oder qualifizierten Vertrauensdiensten (sogenannte E-Sicherheit von Online-Inhalten) entscheidend, um zu verhindern, dass die Authentizität des Materials vor Gericht in Frage gestellt wird. In Deepfake-Fällen sind häufig Gutachten von Computerforensikern und KI-Experten erforderlich, die bestätigen, dass es sich bei dem Material nicht lediglich um ein bearbeitetes Werk, sondern um eine hochentwickelte KI-Synthese handelt, was die Schuld des Täters erhöht.

Der Kampf gegen Deepfakes vor Gericht ist kein aussichtsloser Kampf mehr. Die Kombination des klassischen Schutzes von Persönlichkeitsrechten mit neuen EU-Verordnungen (AI Act, DSA) schafft ein umfassendes Schutzsystem. Für einen Anwalt, der ein Opfer vertritt, ist es entscheidend, nicht nur die Rechtsverletzung nachzuweisen, sondern vor allem den Schaden – sowohl immateriell als auch marktwertmäßig – präzise zu beziffern. Im Zeitalter der Bildmanipulation wird das Recht auf Kontrolle des eigenen Bildes zu einem der wichtigsten subjektiven Rechte im Katalog der bürgerlichen Freiheiten.


Dieser Artikel dient ausschließlich Informationszwecken und stellt keine Rechtsberatung dar.
Der aktuelle Stand der Rechtslage ist der 25. Februar 2026.

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